Kleine “Spitz-Findigkeiten” fallen ja wohl nicht auf, oder?

Inhalt

  1. Der ganz normale Fake
  2. Billy – ein ganz spezieller Fall

Der ganz normale Fake

Was so ein echter Genre-Maler ist, der weiß, was Käufern gefällt . . .

Billy – Ein ganz spezieller Fall

Seit Jahrzehnten hüte ich eine Spitz-Postkarte vom „Grauen Großspitz“ wie meinen Augenstern und es war mir klar, dass es da noch Klärungsbedarf geben muss. Die Postkarte war für mich das Indiz dafür, dass es zu den Farben der Hunde auch vor über 100 Jahren bereits Ungereimtheiten gegeben haben muss.

In welche Richtung das ging, fiel mir auf, als ich Janets Seite besuchte und dort rein zufällig den eindeutig gleichen Spitz auf einer Abbildung einer Buchseite entdeckte. Allerdings wurde er dort als „Weisser Wolfsspitzrüde Billy“ bezeichnet . . .

Da auch Janet zu den überaus fleißigen „Detektiven“ gehört und ihr dieser Widerspruch ebenfalls aufgefallen war, haben wir daraufhin mal unsere Erkenntnisse ausgetauscht, wobei Janet bereits Einiges mehr herausgefunden hatte.

Bei der Postkarte handelt es sich wohl nicht um eine willkürliche Farbänderung durch den Hersteller der Postkarte (mit Schwarz-Weiß-Fotos lässt sich ja so Einiges machen!), sondern die Abbildung ist dem Buch „Die Rassekennzeichen der Hunde“ – Druck und Verlag J. Schön – München, 1895, S. 78, entnommen, in dem es außerdem heißt (Zitat):

„Die sämmtlichen Spitze Deutschlands sind daher:

a. Grosse Spitze:

1. Der gewöhnliche graue Spitz oder Pommer (auch Fuhmannsspitz oder Wolfsspitz.

2. […]”

Wenn man sich an dem Text orientiert, wäre Billy ein Wolfsspitz gewesen.

In der Zeitschrift „Hundesport und Jagd“, Nr. 08, vom 03.10.1895 wird Billy als weißer Spitz mit cremefarbene Rücken beschrieben. (unten auf der Seite)

Interessant dabei übrigens die bedauernde Prognose, dass Billy sich leider kaum mit Erfolg auf Ausstellungen werde zeigen können, weil ihm als weißem Spitz mit cremefarbenem Rücken wohl kein Richter den 1. Preis zusprechen würde.

 In der Zeitschrift ,,Der Hundesport‘‘ No. 22 (erschienen am 28.05.1897) ist Billy auf S. 366 als „Weisser Wolfsspitz“ abgebildet und in der gleichen Zeitschrift erscheint auf S. 493 ein Ausstellungsbericht, bei dem er als „cremefarben“ bezeichnet wird. Zitat:

„Billy ist sehr gross, crêmefarben, flott gestellt und typisch in Kopf, Behaarung gut, macht I. Preis“

So viel dann mal zur Prognose in „Hundesport und Jagd“ zwei Jahre zuvor. Eine Zuordnung zu Wolfs- oder Großspitz erfolgt in diesem Richterbericht nicht.

Im Zuchtbuch ist er unter Nr. 35 als „weiss“ eingetragen.

Das Chaos ist perfekt!

In der Spitz-Datenbank ist Billy als cremefarben eingetragen, weil davon ausgegangen wird, dass einem Richterbericht am ehesten zu trauen ist, denn dazu muss der betreffende Richter den Hund schließlich selbst gesehen und begutachtet haben.

Resümé:

Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass wir mit unseren Rückschlüssen zur Spitzzucht auf der Basis von Abbildungen, tw. auch von Texten in Büchern, vorsichtig sein müssen und Aussagen häufig nur „unter Vorbehalt“ treffen können.

Und es verdeutlicht mir ein weiteres Mal, wie wichtig es ist, dass solche Informationen – egal, ob es Bild- oder Textdokumente sind – zentral und für alle zugänglich gebündelt und aufbewahrt werden müssen, denn nur so sind wir in der Lage, solche Ungereimtheiten überhaupt zu finden und ein halbwegs realistisches Bild von der Spitzzucht früherer Tage zu entwickeln.

Ganz offensichtlich war auch früher nicht Alles aus Gold, was glänzte.